Vater werden ist doch schwer...
©ZEITmagazin 33/1995
Web-Version: Carsten KindermannMithecheln, dickwerden, weglaufen: Die neun schwersten Monate im Leben eines Mannes sind die, die ihn zum Papa machen. Eine kleine Typologie der Vaterfreuden in vier Kapiteln.
VON CHRISTINE BRASCH
Boris Becker hat es schon vor einiger Zeit geschafft. Auch Theo Waigel hat gerade das Schlimmste hinter sich, er war ohnehin beim dritten Mal schon ein alter Hase. Doch Vater sein ist nicht so schwer - Vater werden um so mehr! Nein, es geht nicht um den Akt der Zeugung, der bleibt doch im wesentlichen immer der gleiche. Es geht um die neun Monate danach. Noch nie haben Vaterpflichten so früh begonnen wie heute. Ist es inzwischen ein halbes Jahrhundert her, daß ein Kind für den Vater erst interessant wurde, wenn es mit einem Fußball oder ähnlich ernstzunehmenden Dingen umgehen konnte, schoben die Väter der heutigen Elterngeneration immerhin schon Kinderwagen. In den siebziger Jahren begannen sie nicht nur, sich beim Wickeln die Finger schmutzig zu machen, es drängten auch immer mehr von ihnen in die Kreißsäle. Oder wurden sie geschoben?
Heute jedenfalls nehmen Väter von Anfang an teil. Die Schwangerschaft ist meist nicht mehr das süße Geheimnis der werdenden Mutter, die erst von ihrem Gynäkologen die freudige Nachricht erhält, sie habe empfangen. Wie viele junge Männer starren wohl in unserem Land morgens auf Teststäbchen, bei denen laut Beipackzettel schon die geringste Verfärbung das Vorhandensein des Schwangerschaftshormons HCG im Morgenurin nachweist?
Und was tun sie, wenn sie den zarten Rot- oder Blauton sehen? Meist haben sie wenig Gelegenheit, ihre Frauen am Strand vor untergehender Sonne um die Taille zu fassen und vor Freunde herumzuwirbeln - mit der gebührenden Vorsicht natürlich. Nein, die echten Reaktionen sind weniger filmreif. Der eine wird leicht grau im Gesicht und sagt erst mal gar nichts. Der andere freut sich, natürlich, irgendwie - aber was wird jetzt eigentlich aus unserer Hongkong-Reise? Und der dritte macht sich ganz einfach aus dem Staub. Die, die bleiben - und das ist doch die Mehrheit -, sind mehr oder weniger stark verunsichert. Denn wer weiß schon, was heute von einem werdenden Vater verlangt wird? Früher waren die Schwangeren ja schon zufrieden, wenn der Mann ihnen ein sicheres Heim bot, fürsorglich Kissen ins Kreuz schob und schließlich nervös auf dem Krankenhausflur auf und ab lief, wenn es "so weit war". Heute erwarten sie weit mehr vom werdenden Vater, genaugenommen wollen sie alles: das sichere Heim und die Kissen im Kreuz, dazu aber bitte noch den verständnisvollen Gesprächspartner, der für alle Sorgen und Beschwerden ein offenes Ohr hat, ohne selbst welche zu äußern. Den sanften Liebhaber, der ihren Bauch wunderschön findet. Und den begeisterten werdenden Vater, der sich für Atemtechnik in der Übergangsphase der Geburt genauso interessiert wie für den Unterschied zwischen Silikon- und Naturkautschuksaugern.
Die Folge: Der Mann ist schlichtweg überfordert. Er hat nämlich selbst Sorgen. Vater - das klingt nach Verantwortung, nach Geld verdienen müssen, nach dem endgültigen Ende jeder Jugend und Männerfreiheit, nach Mami&Papi-Trott. Aber wie Männer so sind: Sie weinen sich nicht am Busen des besten Freundes aus, sie gründen keine Selbsthilfegruppe, und sie kaufen sich auch keinen leicht faßlichen Ratgeber. Dabei hätten sie reiche Auswahl: Mehr als zehn aktuelle Werke beschäftigen sich mit ihren Nöten, Freuden und Bedürfnissen, Titel wie "Schwangerschaftsbuch für Männer", "Ein Vater wird geboren" oder "Vater werden - das letzte Abenteuer". Nein, darauf verzichten sie standhaft. Statt dessen entwickeln sie eigene Bewältigungsstrategien, um die neun härtesten Monate im Leben eines Mannes einigermaßen durchzustehen - oder -liegen, wie wir gleich sehen werden. Vier Grundtypen sind zu unterscheiden (Mischformen sind häufig):
Die MITLEIDER stellen die modernste Gruppe der werdenden Väter. Sie haben verstanden, daß Mutterschaft nicht nur Frauensache ist, und fühlen sich danach: Bauch- und Rückenschmerzen sind die typischen Symptome, in den späteren Monaten natürlich auch Sodbrennen. Die Mitleider wundert es überhaupt nicht, was Wissenschaftler herausgefunden haben: Das Couvade-Syndrom, das männliche Brüten, bleibt schon lange nicht mehr auf irgendwelche Naturvölker beschränkt, wo die Männer sich in Gebärhütten zurückziehen und sich dort in Wehenschmerzen winden, nachdem sie ihre frisch entbundenen Frauen zurück zur Feldarbeit geschickt haben. Deutsche Männer verändern während der Schwangerschaft ihrer Frauen sogar ihren Leibesumfang! Die Bremer Diplompsychologin und Geburtsvorbereiterin Ulrike Hauffe stellte vor einigen Jahren bei einer Studie an 150 Männern eine durchschnittliche Zunahme von vier Kilo im fraglichen Zeitraum fest. Und Boris Becker konnte vor der Geburt von Noah Gabriel kaum noch Tennis spielen! Die Mitleider bevorzugen Paarkurse als Geburtsvorbereitung. Schließlich kennen die Hebammen die besten Tips bei allen ihren Schwangerschaftsbeschwerden. Frauen könnten sich über einen Mitleider als Mann eigentlich freuen. Drängte sich nicht manchmal der Verdacht auf, daß er gar nicht mit-, sondern eher gegenleidet. Denn was können Männer schlechter ertragen als eine leidende Frau?
Die RAUSHALTER lösen das Problem anders. Sie teilen einfach die Einstellung ihrer Vorväter, daß Familie ernähren und Kissen ins Kreuz schieben genügen - letzteres geht natürlich nur, wenn der Job und die Hobbys einige Stunden zu Hause zulassen. Denn auch die Raushalter schaffen sich ein Gegengewicht zur Schwangerschaft, um nicht zu sagen ein Ersatzkind. Der Gebärneid ist also keine Erfindung mißgünstiger Feministinnen, die den Penisneid nicht ohne Pendant lassen wollten. Männer haben den Vorteil, sich ihr Ersatzkind aussuchen zu können: ein neues Auto (nur für die Familie natürlich), ein neuer Computer (spart Zeit und Mühe), ein neues Arbeitsgebiet (schließlich muß mehr Geld rangeschafft werden), der ausgebaute Heimwerkerkeller (für das Kind nur selbstgezimmerte Möbel). Von einem Rechtsanwalt ist verbürgt, daß er sich den ganzen letzten Sonntag vor der Geburt seiner Tochter Zeit nahm, um den bestsellerverdächtigen Kriminalroman zu konzipieren, den er dann neben Kind und Vierzehnstundenjob schreiben wollte. Was es auch sei, der Raushalter wird immer eine nützliche Beschäftigung finden, während seine Frau ihre Zeit im Vorbereitungskurs verplempert.
Die TRAINER, ein Phänomen der siebziger Jahre, sind seltener geworden, aber es soll sie hier und da noch geben. Ihre Beweggründe sind unterschiedlich, manche wollen ihre Hilflosigkeit überspielen, andere einfach nicht der Frau die Hauptrolle überlassen. Jedenfalls haben sie beschlossen, das Heft auch während der Geburt nicht aus der Hand zu geben. Denn diese Geburt soll das ganz große, das ganz besondere Erlebnis werden. Der Trainer besucht mit seiner Frau einen Paarkurs mit Atemtechnik nach der Uhr, und jede Art von Schmerzmittel schließt er von vornherein aus - nicht für sich, für seine Frau natürlich. (Ein Spruch, den Hebammen lieben: "Nein, meine Frau möchte keine Schmerzmittel, auch wenn sie jetzt was anderes schreit. Das haben wir uns vorher versprochen!") Eine modernere Unterart der Trainer hat die Stoppuhr für die Atemübungen aus der Hand gelegt und erstellt statt dessen in den Wehenpausen schon mal ein Horoskop für den Nachwuchs, wenn er nicht gerade das Teelicht unter der Aromaölschale wechseln muß.
Und dann sind da noch die BÜBCHEN. Sie sind an Jahren, zumindest aber im Geiste noch sehr, sehr jung und benehmen sich auch so. Sie fürchten mit Recht, die bisher genossene Rundumversorgung und -bewunderung zu verlieren. Ihre Eifersucht auf den heranwachsenden Konkurrenten verbergen sie hinter rüpelhaftem Benehmen. ("Wieso vorzeitige Wehen? Bisher konntest du doch dein Fahrrad auch allein aus dem Keller holen!") Auf alles, was mit der Schwangerschaft zu tun hat, können sie bestens verzichten. Obwohl: Ein Ultraschallphoto - Schneegestöber auf schwarzem Grund - von ihrem Sohn (natürlich) kann plötzlich doch noch Vaterstolz in ihnen wecken.
Wie auch immer sie die neun Monate hinter sich bringen, in einer Tätigkeit sehen sich die Männer dann alle vereint: in der Fahrt zum Krankenhaus - sofern der Mitleider nicht zu große Rückenschmerzen hat, der Raushalter nicht gerade bei einem unaufschiebbaren auswärtigen Termin weilt, der Trainer nicht überlegt, ob das Krankenhaus XY mit der niedrigeren Dammschnittrate doch noch vorzuziehen sei, und das Bübchen einsieht, daß seine Frau sich aus gutem Grund nicht selbst ans Steuer setzen will.
Sind sie schließlich angekommen, machen sie vor der Kreißsaaltür nicht halt. Wer will sich schon sagen lassen, daß er hier schlappgemacht und seine Frau im Stich gelassen hat oder - noch schlimmer - daß es wohl in dieser Partnerbeziehung nicht stimmen kann? Zum Glück hat sich rumgesprochen, daß Väter im Kreißsaal weder umkippen, noch die Mütter auf ewig ihre erotische Anziehungskraft für ihre Männer verlieren. Trotzdem ist die Entbindung auch für die Väter kein Zuckerschlecken. Werdender Vater im Kreißsaal ist eine der undankbarsten Rollen, die ein Mann in seinem Leben innehat. Was kann er schon tun? Je nach Vatertyp Hand halten, Mut zusprechen, stützen, mitatmen, mitleiden - und doch Zuschauer bleiben.
In die Rolle des Spezialisten - sonst von Männern ja gern eingenommen - kann er nicht flüchten. Und seine ohnehin latent vorhandenen hypochondrischen Ängste werden hier noch geschürt, wenn auch nicht am eigenen Leib: Warum keucht sie plötzlich so komisch? Was meint der Arzt mit "Wir müssen uns nach vorn entscheiden"? Soll die Schere wirklich für den Dammschnitt sein? Und zu guter Letzt: Das kann doch nicht normal sein, so ein zerknautscher Schädel?
Ja, das Baby ist da. Und nachdem Mutter, Hebamme und Ärztin dem Vater mit vereinten Kräften versichert haben, daß dieses Kind sich bester Gesundheit erfreut, ist fürs erste wieder klar, was ein ordentlicher Vater zu tun hat: Stolz und froh wird er ohnehin sein, Photographieren ist sein Hobby, und das wunderbarste aller Babybündel hält er fest im Arm. An einem der nächsten Abende, wenn seine Frau noch im Krankenhaus weilt, wird er seinen Kumpanen erzählen, wie ganz besonders toll, schrecklich, abenteuerlich, langwierig (Nichtzutreffendes bitte streichen) diese Entbindung abgelaufen ist. Ach ja, und das Gefummel mit Klebestreifen oder ungebleichten Baumwollzipfeln (je nach Wickelmethode) ist mit der Zeit auch von Männerhänden zu bewältigen. Zumindest beim ersten Kind. Mit ihm hat alles Premiere, die männlichen Schwangerschaftsbeschwerden, die schrecklichen Wehen, das überströmende Glück bei der Geburt und auch die ebenfalls überströmenden Windeln. Beim ersten Kind sind volle Windeln schließlich noch Ehrensache. Beim zweiten und allen weiteren Kindern sind sie nur noch volle Windeln.